November2016

Hummer nur noch betäubt in den Kochtopf? Oder doch nicht?

200 Tonnen Hummer landen allein in der kleinen Schweiz jährlich auf Gourmet-Tellern. Bis sie dort sind, erleben sie wahre Torturen. Teils monatelang ohne Nahrung, mit abgebrochenen Fühlern und zugeklebten Scheren warten sie in Kühlboxen zusammengepfercht auf ihren langsamen Tod im siedenden Wasser. All das soll auch weiterhin erlaubt sein. Immerhin will der Entwurf für die Verordnungsänderung des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) das Leiden mindestens ein bisschen reduzieren: Die Hummer dürfen beim Transport nicht mehr direkt auf Eis gepackt und müssen im Wasser gehalten werden. Und sie sollen betäubt werden, bevor sie im siedenden Wasser sterben. Dies soll durch Elektroschocks möglich sein, was allerdings zusätzliche Technik in der Küche nötig macht. Das BLV sieht hier ein Schlupfloch vor: Wo die Betäubung nicht möglich sei, müsse alles Notwendige unternommen werden, um Schmerzen, Leiden und Angst auf ein Minimum zu reduzieren, heisst es im Entwurf. Diese Rücksicht ist verständlich, handelt es sich bei Hummer servierenden Restaurants doch meistens um finanziell schlecht dastehende Gassenküchen, die sich eine weitere Investition fürs Tierwohl kaum leisten können…

Konsequente Mönche?

Schon, aber man macht gerne Ausnahmen, wenn es etwas bringt. Die Mönchsrepublik auf dem heiligen Berg Athos in Griechenland ist für Frauen strikt verboten. Und nicht nur für sie: auch alle weiblichen Haustiere fallen unter das Verbot. Einzige Ausnahmen sind Katzen, die den Mönchen nach eigenem Bekunden durch die göttliche Vorsehung gegeben wurden, um Mäuse und Ratten zu bekämpfen.

Manche religiösen Regeln – auch solche, die Tiere betreffen – zeichnen sich nicht gerade durch Konsequenz und Logik aus. So darf an katholischen Fastentagen bekanntlich Fisch gegessen werden, weil sein Fleisch eben kein Fleisch ist. Der Klerus ging früher noch weiter und erlaubte an fleischfreien Tagen nebst Fisch auch den Genuss von Säugetieren wie Fischotter und Biber – weil auch sie vorwiegend im Wasser leben. Schon beeindruckend, wie kreativ der Mensch mit lästigen Vorschriften umzugehen weiss.

Hunderttausende Schweine lebend verbrüht?

Gemäss Bundesdrucksache 17/10021 (http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/100/1710021.pdf) von 2012 lag die „Fehlbetäubungsrate“ bei der Schweineschlachtung in Deutschland bei der handgeführten elektrischen Betäubung zwischen 10.9% und 12.5%, bei automatischen Anlagen bei 3.3%. Nebst Fehlbetäubungen gibt es noch „Fehlentblutungen“ (Wiedererwachen der Tiere auf der Nachentblutestrecke). Diese Rate lag zwischen 0.4% und 2.5%. Dazu besagte Bundesdrucksache: Die erforderliche Qualität des Entblutestiches ist stark personenabhängig….. Bei sehr hohen Schlachtleistungen bleiben für den Entblutestich nur wenige Sekunden Zeit, ein Nachstechen ist kaum möglich.“ Insgesamt „zeigten durchschnittlich 0,1 bis 1 Prozent der Tiere, abhängig von Betäubungsverfahren und Personal, auf der Nachentblutestrecke unmittelbar vor der Brühung noch Reaktionen, welche auf Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögen hindeuten.“

Was auf Amtsdeutsch ziemlich harmlos tönt, bedeutet nichts anderes, als dass allein in Deutschland jährlich Hunderttausende von Schweinen bei Bewusstsein und schwer traumatisiert erst beim Verbrühen qualvoll sterben.

Alle Menschen wünschen sich einen schmerzfreien, friedlichen Tod. Keinem der jährlich über 58 Millionen in Deutschland geschlachteten Schweine (Fleischatlas 2014) ist das vergönnt. Und für die Hunderttausenden von ihnen, deren Schicksal es ist, einem unqualifizierten oder nachlässigen Schlachter unters Messer zu kommen, ist es der blanke Horror.

Gibt es ein Tier, das die Chinesen nicht essen?

„Chinesen essen den Afrikanern die Esel weg“, lautete kürzlich eine Schlagzeile. Tatsächlich kaufen die Chinesen in grossem Umfang afrikanische Esel zum Verzehr. Im Niger wurden bis im Sommer dieses Jahres bereits 80’000 Esel an internationale Händler verkauft. Letztes Jahr waren es nur 27’000. Der Wert eines Esels stieg von gut 30 auf bis zu 150 Dollars. Und warum das alles? Weil China zu wenig eigene Esel hat, und weil Eselsfleisch in der Küche geschätzt wird. Aber nicht nur dort: Aus gekochter Eselshaut wird eine Gelatine gewonnen, die gegen Schlaflosigkeit, Husten und faltige Haut helfen und die Potenz steigern soll. Gibt es auch irgend ein Mittel gegen dummen Aberglauben?

http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/chinesen-essen-den-afrikanern-die-esel-weg/story/11072285

Lieber nicht alles genau wissen wollen?

Der Walliser Nationalrat Yannick Buttet verlangte in einer parlamentarischen Initiative eine obligatorische Deklaration für Halal Fleisch, das in die Schweiz importiert wird (in der Schweiz ist das betäubungslose Schächten von Säugetieren verboten). Die Wirtschaftskommission des Ständerats lehnt die Intitiative jedoch ab. Die gegenwärtige Gesetzgebung reiche aus und es bestehe derzeit kein Handlungsbedarf. Offenbar brauchen die Konsumenten gar nicht so genau zu wissen, wie qualvoll das Tier auf ihrem Teller sterben musste.

Betäubung vor dem Töten ist bei der rituellen Schächtung nicht erlaubt. Aber auch dort, wo betäubt wird, funktioniert sie oft ungenügend. Umso besser funktioniert die Betäubung der menschlichen Empathie gegenüber Tieren, verursacht durch Religionsvorschriften, die Fleischindustrie oder Gleichgültigkeit.

https://www.lid.ch/agronews/detail/news/staenderats-kommission-gegen-deklarations-pflicht-von-halal-fleisch/