Dezember2016

Optimistisch oder pessimistisch?

Soll man bezüglich unseres Umgangs mit den Tieren optimistisch sein oder ist das angesichts der traurigen Realität naiv? Soll man sich freuen am wachsenden Bewusstsein (auf tiefen Niveau und in unseren westlichen Gesellschaften), dass sich unser Verhältnis zu den Tieren grundlegend verändern und unsere Ausbeutung der Nutztiere aufhören muss? Oder muss man verzweifeln und pessimistisch sein ob der Gleichgültigkeit und fehlenden Empathie einer grossen Mehrheit der Menschen? Antonio Gramsci (1891-1937), italienischer Schriftsteller, Journalist und marxistischer Philosoph forderte einen „Pessimismus des Verstandes“ und einen „Optimismus des Willens“ (Gefängnishefte, H. 28, § 11, 2232 ). Vielleicht ein Motto für 2017 für die Menschen, die sich für die Rechte der Tiere einsetzen? Und für alle anderen Realisten?

 

Wessen Würde ist unantastbar?

Im Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes heisst es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und was ist mit der Würde der Tiere? Von ihr ist nirgends die Rede, auch nicht im deutschen Tierschutzgesetz. Im Schweizerischen Tierschutzgesetz hingegen ist gemäss Artikel 1 die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen. So weit, so gut. Doch bereits in Artikel 4, lit.b kommt der Hammer: Der Mensch muss zwar für das Wohlergehen des Tieres sorgen, jedoch nur „soweit es der Verwendungszweck“ zulässt. Will heissen: Unsere Hunde und Katzen sollen es gut haben. Und die Nutztiere? Für sie heiligt der Zweck die Mittel. Sie sollen, ihrem „Verwendungszweck“ entsprechend, der Krone der Schöpfung Eier, Milch, Wolle, die Haut, das Fell oder auch den eigenen Körper in Form von Fleisch liefern. Zirkustiere sollen uns gefälligst unterhalten, Labortiere wissenschaftliche Neugier befriedigen und auch für sinnlose Grundlagenforschung sterben (siehe letzter Beitrag). Und die männlichen Küken der aufs Eierlegen spezialisierten  Hühnerrassen? Pech gehabt, für euch Eintagsküken gibt es überhaupt keinen Verwendungszweck. Also lebend rein in den Shredder. Für alle „Nutztiere“ wird trotz schöner Worte im Tierschutzgesetz die Würde täglich mit Füssen getreten. Was bringen solche Gesetze eigentlich ausser eine Beruhigungspille für Menschen mit einem latent schlechten Gewissen?

Paragraph 1 des deutschen Tierschutzgesetzes lautet übrigens: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Zynischer geht’s kaum, wenn man weiss, was den „Mitgeschöpfen“ in der Massentierhaltung angetan wird.

Vor vielen Jahren schon sang Reinhard Mey sein bewegendes Lied „Die Würde des Schweins ist unantastbar“ (http://www.reinhard-mey.de/start/texte/alben/die-w%C3%BCrde-des-schweins-ist-unantastbar). Wie wahr. Aber es wird wohl noch lange dauern, bis die Vision der umfassenden Achtung der Würde aller Tiere endlich Realität wird. Trotzdem: es lohnt sich, dafür einzustehen. Herzlichen Dank allen, die dazu ihren Beitrag leisten.

P.S. Es werden wohl übers ganze Jahr gesehen nie so viele Tiere geschlachet wie für das kommende „Fest der Liebe.“

Mitfühlende Mäuse – gefühlskalte und herzlose Forscher?

Können Mäuse Mitgefühl zeigen? Gegen menschliche Neugier und Interesse am besseren Verständnis von Tieren ist natürlich nichts einzuwenden, im Gegenteil. Wohl aber gegen die Mittel, die Forscher einsetzen, um ihren Wissensdurst zu befriedigen. An der McGill Universität Montreal entdeckten sie tatsächlich Hinweise auf Mitgefühle bei den kleinen Nagern, wie Peter Wohlleben in seinem Buch „Das Seelenleben der Tiere“ berichtet. Und wie fanden sie das heraus? Sie quälten die Tiere, indem sie Säure in die Mäusepfoten injizierten oder diese auf heisse Platten drückten. Wenn die unter Schmerzen sich windende Maus einen Artgenossen beobachtete, der ähnliche Torturen erleiden musste, dann spürte sie den Schmerz wesentlich stärker, als wenn sie allein gequält wurde. Umgekehrt ertrug sie die Schmerzen leichter, wenn eine Maus dabei war, die nicht gequält wurde.

Während die Mäuse also echtes Mitgefühl mit ihren Artgenossen zeigten, spürten die eiskalt handelnden Forscher offenbar keinerlei Mitleid mit den gequälten Tieren. Der Prestigegewinn durch eine weitere publizierte Studie war ihnen wichtiger. (http://www.the-scientist.com/?articles.view/articleNo/24101/title/Mice-show-evidence-of-empathy/)

Weitere Müsterchen für buchstäblich kranke Grundlagenforschung an Tieren? Auch diese drei willkürlich ausgewählten Versuche wurden wie derjenige mit den mitfühlenden Mäusen in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht (zitiert von der Website der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner AGSTG http://www.agstg.ch/fragen-und-antworten-zu-tierversuchen.html#faq-grundlagenforschung-tierversuche)

Müssen wir wirklich wissen, dass Fische, wenn man sie tagelang in einer künstlichen Schwerelosigkeit um ihre eigene Achse drehen lässt, seekrank werden und sich dauernd übergeben müssen?
Müssen wir wirklich wissen, wie sich ein durch 155 Dezibel (Lautstärke von Gewehrschüssen) verursachtes akutes Lärmtrauma auf Meerschweinchen auswirkt?
Oder müssen wir wirklich wissen, dass Silbermöwen nach 6-tägigem Futterentzug kläglich verhungern?

Zu solch abscheulichem und herzlosem Verhalten ist wohl nur die Krone der Schöpfung fähig.

Was haben wir mit den Tieren gemeinsam?

Haben nur Menschen eine Seele? Haben nur Menschen Verstand (den so genannten „gesunden Menschenverstand“ – es darf kurz gelacht werden…)?

Einer der ersten Tierrechtler, der britische Utilitarist Jeremy Bentham sagte es vor mehr als 200 Jahren so: „Der Tag könnte kommen, an dem die übrigen Kreaturen jene Rechte erlangen werden, die man ihnen nur von tyrannischer Hand vorenthalten konnte. Die Franzosen haben bereits entdeckt, dass die Schwärze der Haut kein Grund dafür ist, jemanden schutzlos der Laune eines Peinigers auszuliefern. Es mag der Tag kommen, da man erkennt, dass die Zahl der Beine, der Haarwuchs oder das Ende des Steissbeins gleichermassen unzureichende Gründe sind, ein fühlendes Lebewesen demselben Schicksal zu überlassen. Was sonst ist es, was hier die trennende Linie ziehen sollte? Ist es die Fähigkeit zu denken, oder vielleicht die Fähigkeit zu sprechen? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere Lebewesen als ein Kind, das erst einen Tag, eine Woche oder selbst einen Monat alt ist. Aber selbst vorausgesetzt, sie wären anders, was würde das nützen? Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen?, sondern: können sie leiden?“
Jeremy Bentham (1748-1832): An Introduction to the Principles of Morals and Legislation, (1789)

Und der suspendierte Priester und Kirchenkritiker Eugen Drewermann sagt es so: „’Haben Tiere eine Seele und Gefühle?‘ kann nur fragen, wer über keine der beiden Eigenschaften verfügt.“