Januar2017

Tierisch vollautomatisch?

Das 1971 gegründete deutsche Familien-Unternehmen Tönnies Lebensmittel „befasst sich im Kerngeschäft mit der Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung von Schweinen, Sauen und Rindern.“ Gemäss Firmenwebsite wurden 2015 in der Tönnies-Gruppe 18.2 Millionen Schweine geschlachtet, davon 16.2 Millionen in Deutschland. Das sind über 80’000 Stück pro Arbeitstag. Nach eigenen Angaben hat Tönnies „durch die Einführung der vollautomatischen Zerlegung einen Quantensprung in der Qualitätsfleischgewinnung realisiert.“

Das vollautomatische Zerlegen eines soeben getöteten Lebewesens wird so kühl und distanziert geschildert, wie eine Produktionsfirma umgekehrt den Zusammenbau einer Maschine durch Roboter beschreiben würde:

Voraussetzung für die vollautomatische Zerlegung ist eine exakte Vermessung. Per Datentransfer aus der Schlachtung liegt in der automatischen Zerlegung ein kompletter Datensatz jedes einzelnen Schweines vor. In Verbindung mit der Vermessung der einzelnen Sektionen des Schlachttierkörpers werden die gewonnenen Daten zur Prozessoptimierung genutzt. Durch eine objektive Bewertung der einzelnen Teilstücke wird die Schnittführung bei der Zerlegung optimiert. Hocheffiziente Zerlegeergebnisse unter einzigartigen Hygienebedingungen sind das Resultat.“

Quelle: http://www.toennies.de/ueber-toennies/divisionen/division-meat.html (Zugriff am 23.1.2017)

Und was sagte Clemens Tönnies, Miteigentümer der Unternehmensgruppe Tönnies Lebensmittel zu seinem Verhältnis zu den Tieren? (im Interview mit Matthias Benirschke in den Aachener Nachrichten vom 9.4.2013 (zitiert aus Murken Christa, Animal Turn, S. 163)

Ich achte die Kreatur. Mit mir kriegt jeder Ärger, der auf der Jagd einen Hund schlägt.“

 

Sport ist Mord?

Gibt es eine Sportart, bei der im Wettkampf regelmässig zehn bis fünfzig Prozent der Teilnehmer sterben? Im Brieftauben-“Sport“ ist es genau so. Bis zur Hälfte der Wettkampfteilnehmer bleiben auf der Strecke. Allein in der kleinen Schweiz „produzieren“ die Sporttaubenzüchter jährlich 25’000 Jungvögel. Nur schon die Haltung der Tauben ist oft tierschutzwidrig, wie der Schweizer Tierschutz STS schreibt. Bei den Wettkämpfen wird es aber richtig gemein. Um die Tauben zum Siegen zu motivieren, hat sich der Mensch die perfide „Witwermethode“ ausgedacht: Die in lebenslanger Einehe lebenden Taubenpaare werden getrennt. Dann wird der eine Partner zusammen mit anderen Leidensgenossen in engen Transportern bis zu 600 Kilometer weit weg entführt. Von hier soll er möglichst schnell nach Hause fliegen und seinem Besitzer Ruhm und Ehre bringen. Dass dabei nur ein Bruchteil der Tauben überhaupt ankommt, wird ganz selbstverständlich einkalkuliert. Viele der im Schlag zurückgelassenen Tauben warten vergeblich auf die Rückkehr ihres Partners. Er – oder sie – ist an Erschöpfung gestorben oder von einem Greifvogel geschlagen worden. „Sport“ ist also doch Mord.

http://www.tierschutz.com/media/pc2016/030516.html

Sex and crime?

Erschreckend offene Bekenntnisse eines leidenschaftlichen Jägers: Paul Parin (1916-2009) war mehrfach ausgezeichneter Psychoanalytiker, Ethnologe, Schriftsteller und Ehrendoktor der Universität Klagenfurt. Und er ging zeitlebens auf die Jagd. In seinem Buch »Die Leidenschaft des Jägers« erzählt Parin eigene Erinnerungen und Geschichten über die Jagd. Ungeschminkt schreibt er über die Leidenschaft, die Passion, das Jagdfieber:
»Seit meinen ersten Jagdabenteuern weiß ich: Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust, wann und wo immer gejagt wird. … Die wirkliche Jagd ist ohne vorsätzliche Tötung nicht zu haben. Leidenschaftlich Jagende wollen töten.
Jagd ohne Mord ist ein Begriff, der sich selber aufhebt… Und weil es sich um Leidenschaft, Gier, Wollust handelt – um ein Fieber eben – geht es in diesem Buch um sex and crime, um sexuelle Lust und Verbrechen jeder Art, um Mord und Lustmord.«

Einen deutlichen Vorgeschmack liefert bereits die erste Geschichte des Buches mit dem Titel »Der Haselhahn«: Parin erzählt von seinem Jagderlebnis als Dreizehnjähriger, bei dem er einen Haselhahn erlegt:
»Ich drücke ab, höre keinen Knall, spüre den Rückstoß nicht. Ich bin aufgesprungen, blind und taub stehe ich da. Eine unerträgliche Spannung, irgendwo im Unterleib, etwas muss geschehen. Plötzlich löst sich die Spannung, in lustvollen Stößen fließt es mir in die Hose, nein, es ist das, der wunderbare Samenerguss, der erste bei Bewusstsein. Ich stehe aufgerichtet, das Gewehr in der Linken, kann wieder hören und kann sehen. – Dort liegt die Beute, ein Haufen bunter Federn.«

Das letzte Kapitel seiner erschreckend offenen und teils verstörenden Jagd- und Sex-Bekenntnisse trägt den Titel „Ende einer Leidenschaft“. Spätestens hier hofft man als Leser, der Verstand des zweifellos sehr intelligenten Autors siege endlich über die Lust am Töten. Vergebens. Seit er im hohen Alter nicht mehr jagen und fischen könne, sei seine Jagdleidenschfaft erloschen, schreibt Parin. Keine Altersmilde oder Einsicht also, lediglich seine physischen Grenzen zwangen ihn dazu, aufzuhören. Noch im Alter von 79 Jahren kämpfte er während vierzig Minuten einen „spannenden Kampf“ mit einer Regenbogenforelle (die Forelle kämpfte während vierzig Minuten um ihr Leben), bis sie endlich aufgab. Als er den grossen Fisch gelandet hatte, „war die sexuelle Erregung wieder so heftig wie bei dem Dreizehnjährigen nach dem Schuss auf den Haselhahn.“

Parin weiss, dass es biologisch keine Rechtfertigung für die Jagd gibt. Folglich geht es bei der Jagd nicht um biologische oder ökologische Notwendigkeiten. So weist der Autor darauf hin, dass zwar alle erdenklichen Argumente dafür herhalten müssen, um die Jagd von jedem moralischen Makel freizusprechen. »Und doch ist die Jagd der einzige normale Fall, bei dem das Töten zum Vergnügen wird…«

Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset hat dazu gesagt: Die größte Gefahr für das Bestehen der Jagd ist die Vernunft.

Parin Paul, Die Leidenschaft des Jägers, Europäische Verlagsanstalt/Sabine Groenewold Verlage, Hamburg 2003, ISBN 3-434-50561-X

http://www.abschaffung-der-jagd.de/fakten/sexcrime/index.html

Ohne Jäger kein Wild?

Einen dümmeren Spruch hat wohl noch selten jemand auf einen Autokleber gedruckt. Den Gegenbeweis liefert der Kanton Genf, der seit 1974 ein Jagdverbot für Hobby-Jäger kennt. Seit über vierzig Jahren gibt es dort kein Halali mit Jagdhörnern, kein Jägerlatein am Feuer und keine Jagdtrophäen mehr – alles kein Verlust für die Menschheit. Vor allem aber auch keine von Amateurjägern angeschossenen und verletzten Wildtiere. Aufgrund des hohen Jagddrucks im umliegenden Frankreich und Kanton Waadt suchen Wildtiere manchmal Asyl in Genf und schwimmen dazu sogar über die Rhône. Nun gibt es natürlich auch in Genf Wildschweinschäden an den Kulturen, allerdings in bescheidenem Rahmen. 2014 beliefen sie sich auf 17’830 Franken. Für die Dezimierung der Wildschweine durch professionelle Wildhüter wird rund eine Vollzeitstelle aufgewendet. In den letzten 10 Jahren wurden durchschnittlich 327 Wildschweine pro Jahr geschossen, 2014 waren es 176 Exemplare.

Die Genfer leben gut mit dem Jagdverbot. 2004 sprachen sich in einer Umfrage in der Bevölkerung knapp 90 % gegen eine Aufhebung des Jagdverbots aus. 2009 kam es im Kantonsrat zu einem Vorstoss zur Wiedereinführung der Jagd. Mit 71 zu 5 Stimmen bei 6 Enthaltungen wurde dem Ansinnen eine klare Abfuhr erteilt. Genf ist punkto Ökologie ein Pionier-Kanton: 10 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen gelten als ökologische Ausgleichsflächen für mehr Biodiversität. Davon profitieren auch Rebhühner, Greifvögel und Beutegreifer wie Marder und Fuchs.

P.S. Im Schweizer Nationalpark im Engadin wird sogar seit 100 Jahren nicht mehr gejagt und dort ist z. B. der Gämsenbestand seit 1920 konstant um die 1350 Stück. Auch der Fuchs wird nicht gejagt und entgegen den Prognosen aus Jägerkreisen ist keines seiner Beutetiere ausgestorben. Der Wechsel von Kuh- und Schafweiden zur Hirschweide führte zu einer komplett neuen Artenzusammensetzung der Vegetation und einer Verdoppelung der Artenvielfalt. Auch ohne Jagd habe es nicht plötzlich zu viele Füchse, Hasen oder Vögel, sagt Nationalparkdirektor und Wildbiologe Heinrich Haller. Die Erfahrung zeige, dass man die Natur sich selber überlassen könne.

https://wildbeimwild.com/2015/08/18/genf/