Allgemein

Optimistisch oder pessimistisch?

Soll man bezüglich unseres Umgangs mit den Tieren optimistisch sein oder ist das angesichts der traurigen Realität naiv? Soll man sich freuen am wachsenden Bewusstsein (auf tiefen Niveau und in unseren westlichen Gesellschaften), dass sich unser Verhältnis zu den Tieren grundlegend verändern und unsere Ausbeutung der Nutztiere aufhören muss? Oder muss man verzweifeln und pessimistisch sein ob der Gleichgültigkeit und fehlenden Empathie einer grossen Mehrheit der Menschen? Antonio Gramsci (1891-1937), italienischer Schriftsteller, Journalist und marxistischer Philosoph forderte einen „Pessimismus des Verstandes“ und einen „Optimismus des Willens“ (Gefängnishefte, H. 28, § 11, 2232 ). Vielleicht ein Motto für 2017 für die Menschen, die sich für die Rechte der Tiere einsetzen? Und für alle anderen Realisten?

 

Wessen Würde ist unantastbar?

Im Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes heisst es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und was ist mit der Würde der Tiere? Von ihr ist nirgends die Rede, auch nicht im deutschen Tierschutzgesetz. Im Schweizerischen Tierschutzgesetz hingegen ist gemäss Artikel 1 die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen. So weit, so gut. Doch bereits in Artikel 4, lit.b kommt der Hammer: Der Mensch muss zwar für das Wohlergehen des Tieres sorgen, jedoch nur „soweit es der Verwendungszweck“ zulässt. Will heissen: Unsere Hunde und Katzen sollen es gut haben. Und die Nutztiere? Für sie heiligt der Zweck die Mittel. Sie sollen, ihrem „Verwendungszweck“ entsprechend, der Krone der Schöpfung Eier, Milch, Wolle, die Haut, das Fell oder auch den eigenen Körper in Form von Fleisch liefern. Zirkustiere sollen uns gefälligst unterhalten, Labortiere wissenschaftliche Neugier befriedigen und auch für sinnlose Grundlagenforschung sterben (siehe letzter Beitrag). Und die männlichen Küken der aufs Eierlegen spezialisierten  Hühnerrassen? Pech gehabt, für euch Eintagsküken gibt es überhaupt keinen Verwendungszweck. Also lebend rein in den Shredder. Für alle „Nutztiere“ wird trotz schöner Worte im Tierschutzgesetz die Würde täglich mit Füssen getreten. Was bringen solche Gesetze eigentlich ausser eine Beruhigungspille für Menschen mit einem latent schlechten Gewissen?

Paragraph 1 des deutschen Tierschutzgesetzes lautet übrigens: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Zynischer geht’s kaum, wenn man weiss, was den „Mitgeschöpfen“ in der Massentierhaltung angetan wird.

Vor vielen Jahren schon sang Reinhard Mey sein bewegendes Lied „Die Würde des Schweins ist unantastbar“ (http://www.reinhard-mey.de/start/texte/alben/die-w%C3%BCrde-des-schweins-ist-unantastbar). Wie wahr. Aber es wird wohl noch lange dauern, bis die Vision der umfassenden Achtung der Würde aller Tiere endlich Realität wird. Trotzdem: es lohnt sich, dafür einzustehen. Herzlichen Dank allen, die dazu ihren Beitrag leisten.

P.S. Es werden wohl übers ganze Jahr gesehen nie so viele Tiere geschlachet wie für das kommende „Fest der Liebe.“

Mitfühlende Mäuse – gefühlskalte und herzlose Forscher?

Können Mäuse Mitgefühl zeigen? Gegen menschliche Neugier und Interesse am besseren Verständnis von Tieren ist natürlich nichts einzuwenden, im Gegenteil. Wohl aber gegen die Mittel, die Forscher einsetzen, um ihren Wissensdurst zu befriedigen. An der McGill Universität Montreal entdeckten sie tatsächlich Hinweise auf Mitgefühle bei den kleinen Nagern, wie Peter Wohlleben in seinem Buch „Das Seelenleben der Tiere“ berichtet. Und wie fanden sie das heraus? Sie quälten die Tiere, indem sie Säure in die Mäusepfoten injizierten oder diese auf heisse Platten drückten. Wenn die unter Schmerzen sich windende Maus einen Artgenossen beobachtete, der ähnliche Torturen erleiden musste, dann spürte sie den Schmerz wesentlich stärker, als wenn sie allein gequält wurde. Umgekehrt ertrug sie die Schmerzen leichter, wenn eine Maus dabei war, die nicht gequält wurde.

Während die Mäuse also echtes Mitgefühl mit ihren Artgenossen zeigten, spürten die eiskalt handelnden Forscher offenbar keinerlei Mitleid mit den gequälten Tieren. Der Prestigegewinn durch eine weitere publizierte Studie war ihnen wichtiger. (http://www.the-scientist.com/?articles.view/articleNo/24101/title/Mice-show-evidence-of-empathy/)

Weitere Müsterchen für buchstäblich kranke Grundlagenforschung an Tieren? Auch diese drei willkürlich ausgewählten Versuche wurden wie derjenige mit den mitfühlenden Mäusen in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht (zitiert von der Website der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner AGSTG http://www.agstg.ch/fragen-und-antworten-zu-tierversuchen.html#faq-grundlagenforschung-tierversuche)

Müssen wir wirklich wissen, dass Fische, wenn man sie tagelang in einer künstlichen Schwerelosigkeit um ihre eigene Achse drehen lässt, seekrank werden und sich dauernd übergeben müssen?
Müssen wir wirklich wissen, wie sich ein durch 155 Dezibel (Lautstärke von Gewehrschüssen) verursachtes akutes Lärmtrauma auf Meerschweinchen auswirkt?
Oder müssen wir wirklich wissen, dass Silbermöwen nach 6-tägigem Futterentzug kläglich verhungern?

Zu solch abscheulichem und herzlosem Verhalten ist wohl nur die Krone der Schöpfung fähig.

Was haben wir mit den Tieren gemeinsam?

Haben nur Menschen eine Seele? Haben nur Menschen Verstand (den so genannten „gesunden Menschenverstand“ – es darf kurz gelacht werden…)?

Einer der ersten Tierrechtler, der britische Utilitarist Jeremy Bentham sagte es vor mehr als 200 Jahren so: „Der Tag könnte kommen, an dem die übrigen Kreaturen jene Rechte erlangen werden, die man ihnen nur von tyrannischer Hand vorenthalten konnte. Die Franzosen haben bereits entdeckt, dass die Schwärze der Haut kein Grund dafür ist, jemanden schutzlos der Laune eines Peinigers auszuliefern. Es mag der Tag kommen, da man erkennt, dass die Zahl der Beine, der Haarwuchs oder das Ende des Steissbeins gleichermassen unzureichende Gründe sind, ein fühlendes Lebewesen demselben Schicksal zu überlassen. Was sonst ist es, was hier die trennende Linie ziehen sollte? Ist es die Fähigkeit zu denken, oder vielleicht die Fähigkeit zu sprechen? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere Lebewesen als ein Kind, das erst einen Tag, eine Woche oder selbst einen Monat alt ist. Aber selbst vorausgesetzt, sie wären anders, was würde das nützen? Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen?, sondern: können sie leiden?“
Jeremy Bentham (1748-1832): An Introduction to the Principles of Morals and Legislation, (1789)

Und der suspendierte Priester und Kirchenkritiker Eugen Drewermann sagt es so: „’Haben Tiere eine Seele und Gefühle?‘ kann nur fragen, wer über keine der beiden Eigenschaften verfügt.“

 

Konsequente Mönche?

Schon, aber man macht gerne Ausnahmen, wenn es etwas bringt. Die Mönchsrepublik auf dem heiligen Berg Athos in Griechenland ist für Frauen strikt verboten. Und nicht nur für sie: auch alle weiblichen Haustiere fallen unter das Verbot. Einzige Ausnahmen sind Katzen, die den Mönchen nach eigenem Bekunden durch die göttliche Vorsehung gegeben wurden, um Mäuse und Ratten zu bekämpfen.

Manche religiösen Regeln – auch solche, die Tiere betreffen – zeichnen sich nicht gerade durch Konsequenz und Logik aus. So darf an katholischen Fastentagen bekanntlich Fisch gegessen werden, weil sein Fleisch eben kein Fleisch ist. Der Klerus ging früher noch weiter und erlaubte an fleischfreien Tagen nebst Fisch auch den Genuss von Säugetieren wie Fischotter und Biber – weil auch sie vorwiegend im Wasser leben. Schon beeindruckend, wie kreativ der Mensch mit lästigen Vorschriften umzugehen weiss.

Gibt es ein Tier, das die Chinesen nicht essen?

„Chinesen essen den Afrikanern die Esel weg“, lautete kürzlich eine Schlagzeile. Tatsächlich kaufen die Chinesen in grossem Umfang afrikanische Esel zum Verzehr. Im Niger wurden bis im Sommer dieses Jahres bereits 80’000 Esel an internationale Händler verkauft. Letztes Jahr waren es nur 27’000. Der Wert eines Esels stieg von gut 30 auf bis zu 150 Dollars. Und warum das alles? Weil China zu wenig eigene Esel hat, und weil Eselsfleisch in der Küche geschätzt wird. Aber nicht nur dort: Aus gekochter Eselshaut wird eine Gelatine gewonnen, die gegen Schlaflosigkeit, Husten und faltige Haut helfen und die Potenz steigern soll. Gibt es auch irgend ein Mittel gegen dummen Aberglauben?

http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/chinesen-essen-den-afrikanern-die-esel-weg/story/11072285

Wie schmeckt Barry?

In China (und anderen fernöstlichen Ländern) wird bekanntlich Hundefleisch gegessen, wenn auch nur von einer kleinen Minderheit der Bevölkerung. Und in Yulin in der Provinz Guanxi findet jährlich ein grosses Hundefleisch-Fest statt, wo jeweils rund 10’000 Hunde brutal getötet und anschliessend verzehrt werden. Beliebt bei Züchtern sind neuerdings anscheinend auch Bernhardiner. Weil sie gutmütig sind und die Rasse für ihre grossen Würfe und ihre schnell wachsenden Welpen bekannt ist, erklärt Hal Herzog in seinem Buch „Wir streicheln und wir essen sie.“ Tierquälerei darf nie und nirgends toleriert werden. Doch was das Essen von Hunden betrifft: Wer bei der hiesigen Massentierhaltung wegschaut, das Töten delegiert und munter Fleisch von „Nutztieren“ isst: Bitte jetzt nicht in die Falle tappen und nur auf die Chinesen schimpfen.

http://www.infosperber.ch/Artikel/Gesellschaft/China-Tierschutzer-protestieren-gegen-Hundefleisch-Yulin

Menschliche Sünden aufs Tier abwälzen?

Am Vorabend des Versöhnungsfestes Jom Kippur schwingen orthodoxe Juden ein lebendes Huhn über dem Kopf. Dabei sollen die Sünden des vergangenen Jahres auf das Huhn übertragen werden. Das Sühneopfer, das sich „Kappores schlagen“ oder „Kapparot“ nennt, kann auch mit einem Fisch oder mit Geld praktiziert werden. Beim dreimaligen Hühnerschwenken sagt man: „Das ist mein Austausch. Das ist mein Stellvertreter. Das ist meine Sühne. Dieses Huhn geht dem Tode entgegen, und ich gehe einem guten, langen Leben in Frieden entgegen.“

Nun gibt es zweifellos viel schlimmere Dinge, die der Mensch den Tieren im Namen von Religionen antut. Man denke nur an das rituelle Schächten. Trotzdem: Ist es nicht anmassend, wenn nicht sogar billig, menschliche Unzulänglichkeiten auf ein unschuldiges Tier abwälzen zu wollen, um sich dann wieder gut zu fühlen (und das Tier anschliessend zu töten)? In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?

Den eigenen Hund aufessen?

Darf man Tiere töten? Manchmal ist es sogar ein Akt der Gnade, ein schwer krankes oder verletztes Tier von seinen Qualen zu erlösen. In der Schweiz ist es aber auch erlaubt, den eigenen gesunden Hund zu töten, sofern es tierschutzkonform und nicht mutwillig gemacht wird. Nicht nur das, man darf den Hund dann auch noch ganz legal essen. Ob man das gut findet oder nicht: Wer das tut (es sind nur wenige) punktet unter den Fleischessern mindestens in einer Hinsicht: er delegiert das Töten nicht.

Warum essen wir Tiere, obwohl wir Menschen sind?

Eigentlich essen wir sie nicht, obwohl wir Menschen sind, sondern weil wir auch Tiere sind, meinte der österreichische Autor Christoph Wagner. Immerhin delegieren die Fleischfresser unter den anderen Tieren das Töten nicht, sondern tun es mit ihren eigenen Zähnen und Klauen. Und in der Regel, weil sie die Beute schlicht fürs eigene Überleben brauchen. Das ist für uns Menschen – zumindest in unseren westlichen Gesellschaften – nicht der Fall. Wir können darüber frei entscheiden.