Massentierhaltung und Sklaverei – wie lange bis zum Verbot?

Engagierte Bürgerbewegungen kämpften in England rund vierzig Jahre lang gegen die breit akzeptierte Sklaverei, bis sie 1807 im ganzen britischen Empire verboten wurde. Weltweit dauerte es dann allerdings nochmals siebzig Jahre. Das ist eigentlich gar nicht so lange. Trotzdem arbeiten noch heute viel zu viele Menschen unter sklavenähnlichen Bedingungen. Und die „Nutztiere“? Die allermeisten halten wir heute unter jämmerlichen Bedingungen als Sklaven, und auch das ist leider immer noch breit akzeptiert. Dazu kommt, dass die Tiere ein grosses Handicap haben: Sie können sich ihre Rechte nicht selber erkämpfen und sind allein auf Menschen angewiesen, die sich stellvertretend für sie einsetzen. Die gute Nachricht: Im Gegensatz zu früher sind die Sensibilisierungs- und Mobilisierungsmöglichkeiten ungleich effizienter. Trotzdem wird es bis zur weltweiten Ächtung der Tier-Sklavenhaltung ein harter und steiniger Weg sein. Es sei denn, man vertraue wie der deutsche Philosoph Richard David Precht in seinem neuen Buch „Tiere denken“ auf die Macht von Wissenschaft, Technik und Ökonomie: Er glaubt, dass es in zwanzig Jahren in Deutschland keine Massentierhaltung mehr gibt. Dank in-vitro Fleisch, das kostengünstiger produziert wird.

Weniger, dafür dicker?

Die Zahl der in Deutschland geschlachteten Tiere nahm 2016 gegenüber dem Vorjahr um fast 27 Millionen auf 753 Millionen ab (-3.5%). Das sagen die vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Wie ist das möglich, wenn die Schlachtmenge in Tonnen auf rekordhohem Niveau von 8.25 Millionen Tonnen stagnierte (+0.1%)?

Bei den Schweinen, welche die grösste Gewichtsmenge lieferten, ging die Zahl der geschlachteten Tiere um 63’400 auf 59.3 Millionen leicht zurück. Dies obwohl die Menge mit 5.57 Millionen Tonnen praktisch gleich blieb. Warum? Weil das durchschnittliche Schlachtgewicht pro Tier stieg. Auch die Masthühner waren durchschnittlich etwas schwerer als im Vorjahr. Und weil die „Produktion“ von Hühnerfleisch um 1.5% auf  1.53 Millionen Tonnen sank, ging die Zahl der geschlachteten Hühner um 4.3% oder 26.7 Millionen Tiere zurück.

Was bedeuten diese Zahlen für Kritiker der Massentierhaltung, für Menschen mit Empathie überhaupt? 27 Millionen weniger getötete Tiere, das sind immerhin 27’000’000 empfindsame Lebewesen weniger, die für uns leiden und sterben mussten. Ob das Leben für ihre dickeren Artgenossen dafür noch schwieriger war? Alles in allem doch eine gute Nachricht. Mehr Details: https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/schlachtzahlen-2016w

Im Zoo strafbar, im Zirkus erlaubt?

Eine Schande für die angeblich beim Tierschutz so fortschrittliche Schweiz: Den Wanderzirkussen ist erlaubt, was jedem Zoo eine Anzeige wegen Verstosses gegen das Tierschutzgesetz einbrächte. Seit einem Jahr dürfen die Mindestmasse für Innen- und Aussengehege von Wildtieren gemäss Tierschutzverordnung um 30% unterschritten werden, sofern die Tiere in der Manege regelmässig ausgebildet oder vorgeführt werden. Skandalös, was die Schweiz als „tierschutzkonform“ durchgehen lässt. Nicht genug, dass Grosskatzen wie Löwen allabendlich ihre Show zum Ergötzen des Publikums absolvieren müssen. Sogar das elementare Recht auf ausreichenden Platz wird ihnen verwehrt. Und das in einem Land, wo der erste Artikel des Tierschutzgesetzes lautet: „Zweck dieses Gesetzes ist es, die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen.“

Kamikaze-Tauben?

Noch mehr Unerfreuliches aus der Szene der Hobbytaubenzüchter. Gemäss Tages-Anzeiger vom 12. Januar 2017 muss sich ein 36-jähriger Kosovare aus dem Zürcher Unterland demnächst vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Es handelt sich landesweit um den zweiten bekannten Fall eines Falkenhassers, der eruiert werden konnte. Die Staatsanwältin wirft dem Mann vor, im März 2016 einer Taube ein hoch toxisches Pflanzenschutzmittel auf den Nacken- und Schulterbereich aufgetragen zu haben. Danach liess er die Taube fliegen und hoffte, dass ein Greifvogel sie schlagen würde. Laut Anklageschrift konnte die Taube aber eingefangen werden, bevor sie Beute eines Wanderfalken, Habichts oder Sperbers wurde. Damit die Ködertaube nicht wieder in den Taubenschlag zurückkehrte, hatte der Beschuldigte den Ein- und Ausflugsschaft des Taubenschlags verschlossen. Die Staatsanwältin verlangt für den Angeklagten eine bedingte Freiheitsstrafe von elf Monaten wegen Tierquälerei. Zudem soll er eine Busse von 1500 Franken und die Untersuchungskosten von 8000 Franken bezahlen. Im vergangenen Juli war vom Bezirksgericht Dielsdorf in einem ähnlichen Fall bereits ein 42-jähriger Mann wegen Tierquälerei zu einer bedingten Strafe von elf Monaten und einer Busse von 4000 Franken verurteilt worden.

Die beiden Taubenzüchter gehören zu einer speziellen Gruppe. Diese Männer, meist Leute aus dem Balkan, züchten nicht Brieftauben, sondern Flugtippler oder Hochflieger. Das sind Ausdauerflieger, die nicht weite Distanzen fliegen, sondern in Sichtweite ihres ­heimatlichen Taubenschlages in der Luft bleiben. Die Züchter schliessen Wetten auf die Tiere ab: Die Taube, die am längsten in der Luft bleibt, gewinnt. Der Weltrekord soll 22 Stunden be­tragen. Im Fall des verurteilten Züchters war seine Taube, eine Serbische Hochfliegertaube, nach neuneinhalb Stunden von einem Greifvogel geschlagen worden. In einschlägigen Internetforen von Züchtern und Haltern von Serbischen Hochfliegern wird unverhohlen zum «Krieg zur Ausrottung» der Greifvögel durch so genannte „Kamikaze-Tauben“aufgerufen.

Was, wenn es nur noch Vegetarier gäbe?

Um es kurz zu fassen: Uns Menschen und dem Planeten Erde ginge es deutlich besser. Ein Forscherteam der Universität Oxford hat diese Frage untersucht und die Auswirkungen berechnet. Was die Menschen betrifft: Die Sterberate sänke um etwa sieben Prozent, was jährlich sieben Millionen Tote weniger bedeuten würde (Zyniker – oder Realisten – würden einwenden: Je weniger Menschen auf der Erde, umso besser für sie…). Doch was der Erde wirklich helfen würde: Aus der Nahrungsmittelproduktion gelangten zwei Drittel weniger Treibhausgase in die Atmosphäre. 20 Milliarden Hühner, 1,5 Milliarden Kühe und je eine Milliarde Schafe und Schweine würden nicht mehr gebraucht. Dadurch würden 33 Millionen Quadratkilometer Land frei, auf denen die Tiere derzeit gehalten werden. Das entspricht ungefähr der Fläche Afrikas, die Ackerfläche für den Futtermittelanbau noch nicht einmal mitgerechnet. Mehr Obst- und Gemüseanbau würde natürlich auch mehr Flächen benötigen. In der Summe aber könnten viele ehemalige Weideflächen wieder zu Wald werden – und der absorbiert sehr effektiv klimaschädliches CO2. Vor allem aber fiele einer der grössten Klimakiller weg: Das Methan, das vor allem Rinder bei der Verdauung produzieren – ein Gas, 25 Mal so klimaschädlich wie CO2. Die Tierhaltung insgesamt stösst heute mehr Treibhausgase aus als alle Flugzeuge, Züge und Autos zusammen. Schliesslich würde sich eine fleischlose Ernährung geradezu revolutionär auf den Wasserverbrauch auswirken. Siebzig Prozent weniger Wasser bräuchten wir laut dem kanadischen Wissensportal AsapScience, wenn sich die ganze Welt vegetarisch ernähren würde. Weil nur schon diese Vision vorläufig ziemlich utopisch erscheint, hat wahrscheinlich noch niemand die Rechnung für eine vegane Welt gemacht. Aber heute beginnen, weniger oder kein Fleisch mehr zu essen, ist Winwinwin: Für die Erde, für uns und vor allem für die Nutztiere.

http://www.geo.de/GEO/natur/oekologie/vegetarische-ernaehrung-was-wenn-wir-alle-vegetarier-waeren-83091.html

Zwei Kategorien von Tieren?

„Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden. Die eine nennt sich selbst <Menschen> und die anderen sind eben nur <Tiere>.“

So beginnt die Einleitung in Richard David Prechts Buch „Tiere denken“. Der deutsche Philosoph schlägt einen grossen Bogen von der Evolution und Verhaltensforschung über Religion und Philosophie bis zur Rechtsprechung und unserem Verhalten im Alltag. Undogmatisch, mit Scharfsinn und Witz fragt er, ob wir Tiere jagen und essen, sie im Zoo in Käfige sperren und für Experimente benutzen dürfen. Und er macht eine gewagte Prognose: In zwanzig Jahren wird es in Deutschland keine Massentierhaltung mehr geben. In-vitro-Fleisch soll es möglich machen.

Ein tolles Buch für alle, die sich für unser kompliziertes und widersprüchliches Verhältnis zu den anderen Tieren interessieren.

Precht Richard David, Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen, Wilhelm Goldmann Verlag München 2016, ISBN 978-3-442-31441-6

Pferdequälerei für die Schweineindustrie?

Blutfarmen: Ein Millionengeschäft wird von wenigen Profiteuren im Verborgenen praktiziert. Mit brutalen Methoden wird in Südamerika tragenden Stuten Blut abgezapft. Aufnahmen von Tierschützern mit versteckter Kamera zeigen allein von einer Farm rund 100 Szenen von geprügelten Pferden. Um die Tiere in die Blutentnahme-Boxen zu bewegen, schlagen ihnen die Farmarbeiter mit Holzscheiten und Elektro-Peitschen auf den Kopf. Ihre Fohlen werden nach 140 Tagen Trächtigkeit vorzeitig von Hand abgetrieben, damit die Stuten schnell wieder trächtig werden und als Blutlieferanten weiter genutzt werden können. Aus dem Blut wird das Hormon PMSG (Pregnant mare serum gonadotropin) gewonnen, das in der Ferkelproduktion der Schweineindustrie eingesetzt wird. PMSG macht es möglich, dass Muttersauen wenige Tage nach dem Absetzen der Ferkel wieder besamt werden können. Ein weiterer Vorteil für die Schweinemäster: Mit PMSG kann die Gleichzeitigkeit der Ferkelproduktion gesteuert werden. Alle Muttersauen werden gleichzeitig trächtig und gebären auch gleichzeitig. Kein Tierschutzgesetz schützt die Stuten in Südamerika vor dem Blutgeschäft. Immerhin scheint in Europa nun endlich Bewegung in das skandalöse Geschäft zu kommen. Nach jahrelangem Lobbying von Tierschutzorganisationen und Abwiegeln durch die Behörden forderte das Europäische Parlament im Frühling 2016, den Import von PMSG aus Qualproduktion zu verbieten. Die europäische Kommission allerdings, die dem Antrag des Europäischen Parlaments zustimmen und ein Importverbot von PMSG durchsetzen müsste, hat bisher nicht reagiert.

http://www.euractiv.de/section/landwirtschaft-und-ernahrung/news/schweinezucht-das-brutale-geschaeft-mit-pferdeblut/

Bio schützt vor Qualen nicht?

Im Frühjahr 2016 veröffentlichte das Bayerische Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) eine Studie über Bayerische Schlachthäuser. http://www.sueddeutsche.de/bayern/exklusiv-wie-in-bayerischen-schlachthoefen-schweine-gequaelt-werden-1.3285117

Bei jedem vierten elektrisch betäubten Schwein in den untersuchten zwanzig grossen bayerischen Schlachthöfen kam es zu „Problemen“. Im Zeitraum der Studie (Januar 2014 bis Januar 2015) erfüllte zum Beispiel der Bio-Schlachtbetrieb Chiemgauer Naturfleisch nicht einmal die Hälfte der gesetzlichen Vorgaben zur Betäubung. Die Betäubungstiefe der Schweine sei „oftmals nicht ausreichend“ gewesen, mehrere Tiere hätten „auf Grund von elektrischen Stromschlägen Lautäußerungen“ von sich gegeben, ein Anzeichen für starke Schmerzen.

Auf der Homepage der Chiemgauer Naturfleisch liest man unter „Philosophie“:

„Die ökologische Landwirtschaft ist die zeitgemässe Form, die Fruchtbarkeit der Erde mit einer vielfältigen Pflanzengemeinschaft zu erhalten und einen ehrfurchtsvollen Umgang mit den anvertrauten Tieren zu pflegen.“ http://www.chiemgauer-naturfleisch.de/index.php?id=15

Gilt das auch noch am letzten Tag im kurzen Leben eines Bio-Schweins?

Tierisch vollautomatisch?

Das 1971 gegründete deutsche Familien-Unternehmen Tönnies Lebensmittel „befasst sich im Kerngeschäft mit der Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung von Schweinen, Sauen und Rindern.“ Gemäss Firmenwebsite wurden 2015 in der Tönnies-Gruppe 18.2 Millionen Schweine geschlachtet, davon 16.2 Millionen in Deutschland. Das sind über 80’000 Stück pro Arbeitstag. Nach eigenen Angaben hat Tönnies „durch die Einführung der vollautomatischen Zerlegung einen Quantensprung in der Qualitätsfleischgewinnung realisiert.“

Das vollautomatische Zerlegen eines soeben getöteten Lebewesens wird so kühl und distanziert geschildert, wie eine Produktionsfirma umgekehrt den Zusammenbau einer Maschine durch Roboter beschreiben würde:

Voraussetzung für die vollautomatische Zerlegung ist eine exakte Vermessung. Per Datentransfer aus der Schlachtung liegt in der automatischen Zerlegung ein kompletter Datensatz jedes einzelnen Schweines vor. In Verbindung mit der Vermessung der einzelnen Sektionen des Schlachttierkörpers werden die gewonnenen Daten zur Prozessoptimierung genutzt. Durch eine objektive Bewertung der einzelnen Teilstücke wird die Schnittführung bei der Zerlegung optimiert. Hocheffiziente Zerlegeergebnisse unter einzigartigen Hygienebedingungen sind das Resultat.“

Quelle: http://www.toennies.de/ueber-toennies/divisionen/division-meat.html (Zugriff am 23.1.2017)

Und was sagte Clemens Tönnies, Miteigentümer der Unternehmensgruppe Tönnies Lebensmittel zu seinem Verhältnis zu den Tieren? (im Interview mit Matthias Benirschke in den Aachener Nachrichten vom 9.4.2013 (zitiert aus Murken Christa, Animal Turn, S. 163)

Ich achte die Kreatur. Mit mir kriegt jeder Ärger, der auf der Jagd einen Hund schlägt.“

 

Sport ist Mord?

Gibt es eine Sportart, bei der im Wettkampf regelmässig zehn bis fünfzig Prozent der Teilnehmer sterben? Im Brieftauben-“Sport“ ist es genau so. Bis zur Hälfte der Wettkampfteilnehmer bleiben auf der Strecke. Allein in der kleinen Schweiz „produzieren“ die Sporttaubenzüchter jährlich 25’000 Jungvögel. Nur schon die Haltung der Tauben ist oft tierschutzwidrig, wie der Schweizer Tierschutz STS schreibt. Bei den Wettkämpfen wird es aber richtig gemein. Um die Tauben zum Siegen zu motivieren, hat sich der Mensch die perfide „Witwermethode“ ausgedacht: Die in lebenslanger Einehe lebenden Taubenpaare werden getrennt. Dann wird der eine Partner zusammen mit anderen Leidensgenossen in engen Transportern bis zu 600 Kilometer weit weg entführt. Von hier soll er möglichst schnell nach Hause fliegen und seinem Besitzer Ruhm und Ehre bringen. Dass dabei nur ein Bruchteil der Tauben überhaupt ankommt, wird ganz selbstverständlich einkalkuliert. Viele der im Schlag zurückgelassenen Tauben warten vergeblich auf die Rückkehr ihres Partners. Er – oder sie – ist an Erschöpfung gestorben oder von einem Greifvogel geschlagen worden. „Sport“ ist also doch Mord.

http://www.tierschutz.com/media/pc2016/030516.html